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Ansätze der Selbstorganisation

Für die Formierung eines kollektiven Bewusstseins, also dass Homosexualität keine zu verheimlichende reine Privatsache sei, waren die schnell entstehenden Szenezeitschriften wichtig, allen voran das bereits ab 1969 verlegte Pionierblatt Du+Ich aus Berlin.

Neue Medien

Diese Zeitschriften, erinnert sich Friedrich Kerpen*, waren anfangs jenseits der anonymen Sextreffpunkte die einzige Möglichkeit, andere Männer kennenzulernen. "Und da waren dann Anzeigen drin, wo man aber auch sehr vorsichtig sein musste. Weil, wie mach ich dann so ein Treffen? Ist das vielleicht eine Falle?“ (Projektarchiv VHM, Interview P10) Auch hier war die Angst ein steter Begleiter, was bereits für den Kauf der Hefte galt. So erinnert sich Rolf Grüttner*, dass Du+Ich und andere Hefte bereits ab 1970 oder 1971 in Münster erhältlich gewesen seien. "Aber ich hatte total Schiss, mir die zu kaufen oder irgendwo hinzulegen. Dann hatte ich das Geld schon abgezählt, mir eine Sonnenbrille aufgesetzt: 'Des will ich haben.' Schnell eingesteckt in die Tasche und weg. (lacht)" (Projektarchiv VHM, Interview P13) Ein paar Jahre später, erinnert sich Dierck Gutsche*, war Du+Ich dann auch am Busbahnhof Osnabrück erhältlich, "und die hab ich mir dann heimlich dann natürlich gekauft. Und dann natürlich versteckt, damit ich die dann mit nach Hause kriegte." (Projektarchiv VHM, Interview P5)

Vorläufer der AHO

Diese Zeitschriften verdeutlichten ihren Lesern vor allem, dass diese nicht allein waren. In den Interviews zeigt sich, dass hieraus vor alle bei jüngeren schwulen Männern schnell das Interesse erwuchs, aus der Lektüre über schwules Leben in den direkten Austausch darüber zu treten.

Grundsatzerklärung OHA (1974)

Die Unterdrückung der Homosexualität ist ein Bestandteil der allgemeinen sexuellen und ökonomischen Unterdrückung.

Der erste entscheidende Schritt war hierbei in Osnabrück das Zusammenkommen einer Gruppe kritischer Gleichgesinnter 1973. Als "Homosexuelle Aktion Osnabrück" bzw. "Osnabrücker Homosexuelle Aktion - OHA" veröffentlichten sie im Juni 1974 eine erste Grundsatzerklärung, die den Kampf um homosexuelle Gleichberechtigung mit einer grundlegenden Kapitalismuskritik verband. "Der tatsächliche Grund der Unterdrückung der Homosexuellen," schrieben die Gruppenmitglieder, "ist, einen gesellschaftlichen Sündenbock zu schaffen; eine Minderheit, die von der Mehrheit traktiert werden soll, da homosexuelles Verhalten für die unterdrückende bürgerliche Moral eine Gefahr darstellt." Da "der aufgrund seiner sexualfeindlichen Erziehung autoritär strukturierte Mensch sich den herrschenden Verhältnissen unterordnet [...], erfüllt er eine systemerhaltende Funktion." Daraus ergebe sich, "daß der Kampf der Schwulen um ihre Rechte ein politischer Kampf ist." (Projektarchiv VHM, AHO/PT1, Grundsatzerklärung 1974).

Diese radikale Sprache richtete sich jedoch vor allem nach innen, an die Gruppenmitglieder selbst bzw. an andere interessierte Homosexuelle. Die OHA war letztlich Teil einer ab Mitte der 1970er Jahre auch in Osnabrück einsetzenden Suchbewegung. Zum einen suchte die OHA Anschluss und erstellte einen Fragebogen zur Existenz anderer Schwulengruppen in der Region, den sie weiträumig verschickte (SARCH, Schreiben OHA 22.10.1974). Zum anderen verdeutlichen die uns überlieferten privaten Aufzeichnungen aus dieser Zeit, dass in den Gruppen nun vor allem lange Reflexionen über das Wesen und die Herausforderungen des Coming-Out einsetzten (Projektarchiv VHM, AHO/PT1). 

Plakat, AHO Filmvorführung von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", AHO-Filmreihe: Schwule im Film, Lagerhalle 1980 (Projektarchiv VHM)

Nach einigen Monaten schliefen die Aktivitäten OHA jedoch wieder ein. Aus den informellen Kleingruppen und Kreisen heraus entstanden dennoch immer wieder Aktionen, zum Beispiel erste öffentliche Vorführungen von Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Diese Vorführungen sind als politische Akte in Erinnerung, da der Film die Repression zeigte und zugleich zu Selbstbewusstsein aufrief. Friedrich Kerpen* erinnert sich an eine solche Vorführung Ende der 1970er Jahre:

„Also wenn ich nochmal zurücküberlege, dann hatte ich mein Coming-Out hier in Osnabrück gehabt. Und das war mit 21 so, damals gab‘s auch ein, eine Aufbruchsstimmung. Es gab diesen Film von Rosa von Praunheim. Der ‚Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt‘. So. Und der hat dazu beigetragen, in vielen Städten, auch in Osnabrück, dass, dass halt die Schwulen und Lesben sich aus ihren Löchern sozusagen mal bewegt haben. Und das war wirklich eine tolle Aufbruchsstimmung. (Projektarchiv VHM, Interview P10)

AHO und "Rosa Flut"

Eine direkte Konsequenz dieser Aufbruchstimmung war, dass sich ab 1977 die Aktionsgruppe Homosexualität Osnabrück (AHO) formte. Sie traf sich jeden Mittwochabend offen für alle Interessierten in der Lagerhalle. Mit ihr formte sich die erste beständige homosexuelle Gruppierung in Osnabrück. Sie sei, so erläutert Kurt Mühlenschulte*, selbst aus einer Vorführung von Praunheims epochemachendem Film hervorgegangen. Nachdem dieser Film in den Großstädten eine einschlagende Wirkung hatte, seien Aktivisten 

durch die kleineren Städte gefahren, haben das gezeigt und im Anschluss daran haben sich halt diese schwulen Gruppen in der Regel gebildet. Ich glaube, soweit ich weiß war das in Osnabrück auch so. Und dann hat es halt diese ‚AHO77‘, so hieß die zuerst, gegeben. [...] Und die haben sich dann später in AHO e.V. umbenannt.“ (Projektarchiv VHM, Interview P1)

Dabei ist es allerdings wichtig anzumerken, dass in dieser Phase rein schwule Gruppen ganz selbstverständlich den Begriff der Homosexualität für sich beanspruchten. Das galt auch für die AHO, in der mit provokanter Absicht die "Schwestern" - also männliche Gruppenmitglieder - Patty Wuchtig & Amanda Liderlich fragten: "Sollten auch Lesben zur Schwulengruppe kommen können?" (Projektarchiv VHM, Typoskript: 0) Sollen auch...).

Interessanterweise zeigten sich erste schwul-lesbische Überlappungen in Osnabrück bei Festen, die explizit den Titel schwuler Feste trugen. Denn ein weiteres Resultat der Aufbruchstimmung war im Juni 1979 das erste öffentliche schwule Fest „Rosa Flut“ in Osnabrück. Ein Wochenende lang mischten sich Informationsveranstaltungen mit Spaß und Tanz. Es wiederholte sich im Mai 1980 als „Schwules Fest in Osnabrück“. Hier folgte zum Beispiel auf eine Filmvorführung von „Nicht der Homosexuelle ist pervers...“ mit Diskussion am Freitagabend samstags eine „schwule Fete“ in den Räumen der ESG, Parkstr. 19 und zum Abschluss am Sonntag eine „brühwarme Theatershow: Klaus und Rita – Sex? Vergiß es!!“ in der Aula der Universität im Schloss. (Projektarchiv VHM, AHO/PT1, Flugblatt, 2tes schwules Fest 1980). 1982 fiel erstmals der Name, der dann zur Marke werden wurde: Gay in May. Das Programm aber blieb ähnlich: Ein Wochenende mit „schwulem Theater und Fete“ am Freitag, gefolgt am Samstag durch ein „Regionales Schwulentreffen ‚Gay in May‘“ und der Fete „Urning im Frühling“ und am Sonntag mit einer Filmnacht in der Lagerhalle. Das Titelbild steuerte Ralf König bei, der ein paar Jahre später mit „Der bewegte Mann“ seinen Durchbruch erlebte. (Projektarchiv VHM, AHO/PT1, AHO Ankündigung Gay in May 1982, siehe Titelbild Abschlussbericht). 

Schnittpunkt Frauenbewegung

Die lesbische Selbstorganisation in Osnabrück formierte sich wesentlich langsamer innerhalb der feministischen Bewegung, insbesondere der sich hier Ende der 1970er Jahre formierenden Frauenhausbewegung, der 1980 entstandenen Frauenberatungsstelle oder dem 1981 gegründeten Frauen-ASTA. Dies waren, so erinnert sich Annette Söller*, Themen, die die engagierten Frauen allgemein bewegten. Da nun aber "Treffpunkte" und die "diese sogenannte Subkultur […] auch sehr stark männlich und schwul geprägt war, schon immer," und "viele lesbische Frauen nicht offen lesbisch waren, aber politisch aktiv in der Frauenbewegung", resultierte daraus, dass für lesbische Frauen innerhalb der Frauenbewegung, dass sie "eben auch lange unsichtbar gewesen sind." (Projektarchiv VHM, Interview P7).

Ein Kernpunkt der Arbeit in diesen Gruppen war der Austausch über rechtliche Dinge zum Beispiel im Kontakt mit Vertreterinnen des Juristinnenbunds, insbesondere in Fragen des Scheidungs-, Unterhalts-, und Sorgerechts.

Annette Söller*

Da gab es sowas wie Rechtsberatung, zum Beispiel, was sehr wichtig war für ganz viele, um sich in Scheidungsfragen auch beraten zu lassen.

So formten sich unter dem Dach der Frauenbewegung informelle Anlaufstelle für Fragen lesbischer Frauen. Dazu kamen der informelle feministische Austausch, der vielen Frauen die mentalen, philosophischen und politischen Hintergründe ihrer rechtlichen und sozialen Zurücksetzung offenbarte. Eine solche Biographie hatte auch Ines Eisenberg*. Sie kam aufgrund ihrer Ehe nach Osnabrück. In der hiesigen Frauenbewegung aber erkannte sie, warum "praktisch das mit Männern überhaupt nicht klappte."(Projektarchiv VHM, Interview P9) Es folgte ihre Scheidung, aber erst viel später eine feste Partnerschaft mit einer Frau. Für sie war weniger der Aufbruch in ein offen lesbisches Leben entscheidend, sondern vielmehr der Ausbruch aus einem nie zu ihr passenden Familienmodell. Annette Söller*, die sich in diesen Jahren stark in der Beratung engagierte, schildert, dass solcherlei Fälle keine Seltenheit waren: "Aber viele haben sich dann eben wirklich im Rahmen der Frauenbewegung scheiden lassen und haben dann wirklich nochmal neu durchgestartet. Viele hatten nen Beruf so, auf jeden Fall war ja klar, die müssen sich irgendwie selbständig ernähren." (Projektarchiv VHM, Interview P7) Auch hierfür waren die Netzwerke unter Frauen und die gegenseitige strukturelle und moralische Unterstützung ganz entscheidend.

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