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Wendejahr 1994?

Der Kampf um die Sichtbarkeit homosexuellen Lebens in Osnabrück entwickelte sich vor dem Hintergrund und im vollen Bewusstsein um den Fortbestand des §175. Der Kampf um Gleichberechtigung verlagerte sich dabei von der engeren Bekämpfung des Strafrechtparagraphen immer mehr zum Kampf um die Präsenz in der Stadt – also von einem Abwehrkampf rechtlicher Diskriminierung zu einem Kampf für Akzeptanz und Teilhabe.

In der Innenstadt verteilte Veranstaltungsorte von Gay in May 1994 (Programmheft Gay in May 1994, Projektarchiv VHM)

Der stille Wegfall des §175

Entsprechend randständig bleibt in den Interviews das sonst als Wendejahr gefeierte 1989/90. Wie schon 1945/49 galt der §175 in seiner jeweils bestehenden Form trotz eines sonstig umfassenden Wandels im Lande fort. So war der wichtigste direkte Effekt im Rahmen des homosexuellen Lebens in Osnabrück nach dem Mauerfall, dass sich einige politisch stark interessierte Aktivisten in die DDR und andere Länder des Ostblocks aufmachten, um zu erfahren, wie dort schwules Leben stattfand. Das war innerhalb Deutschlands schon allein deswegen spannend, weil aufgrund des Protests ostdeutscher Homosexueller der §175 1990 vom Einigungsvertrag ausgenommen worden war und sich nicht auf die neuen Bundesländer ausdehnte. So bestanden ab 1990 in einem Land zwei unterschiedliche Strafnormen. Erst 1994 beschloss die schwarz-gelbe Koalition die Unterscheidung zwischen homosexuellem und heterosexuellem Jugendschutz aufzuheben, also die Aufhebung von §175. Dies geschah wiederum weitgehend unsichtbar, der Paragraph entfiel letztlich ohne viel Aufsehen im Zuge einer größeren Reform des Strafgesetzbuches. Eine Entschädigung war nicht vorgesehen.

Keine einheitliche Reaktion

Entsprechend erlebten unseren Interviewpartner*innen diesen Moment ganz unterschiedlich. 

Lennard Germroth*

Also wann ist der abgeschafft worden? Ich weiß es nicht.

Für Friedrich Kerpen* war dies ein zäher Prozess. Inmitten der „Aufbruchstimmung“ ab 1990 dachte er,  „der 175er, bleibt nicht lange. Der kommt komplett weg. Aber dass das dann doch noch so lange gedauert hat, war schon erschreckend.“ (Projektarchiv VHM, Interview P10) Ganz anders ging es zum Beispiel Kurt Mühlenschulte*. „Ja, und diese ganze Auflösung mit dem 175, das ist ja dann auf einmal ganz schnell gegangen.“ Letztlich sei so ausgerechnet jene Errungenschaft, für die viele Aktivistinnen seit Jahrzehnten gekämpft hatten „fast untergegangen in so einem allgemeinen Taumel, ne, mit der Wiedervereinigung.“ Dennoch empfand er „schon auch Genugtuung. Und haben wir schon mit Sekt angestoßen und das so zu erleben.“ (Projektarchiv VHM, Interview P1)

Totschlag Peter Hamel

Das bestehende Problem der lebensweltlichen Diskriminierung sowie die sich häufenden Übergriffe im Stadtraum blieben von der Rechtsreform sowieso unberührt. Im Gegenteil – der drastischste Fall von Gewaltkriminalität in Osnabrück ereignete sich am 14. September 1994, also ungefähr ein halbes Jahr nach Abschaffung des §175. Um „Schwule zu klatschen“ seien damals drei betrunkene Männer zum Sextreffpunkt am Raiffeisenplatz gegangen, wo sie zwei sich dort unterhaltende Männer belästigten. Diese suchten Schutz in einem ihrer Autos, was die drei stark beschädigten. Im späteren Prozess gab der Haupttäter offen zu: „Wir dachten, da sitzen zwei Schwule im Auto.“ (Meike Baars, „Getötet, weil er nicht wegsah“, NOZ, 13. September 2019.) Der zu Hilfe eilende Passant Peter Hamel, ein 2,10 großer in der Stadt bekannter Türsteher, schlug die drei in die Flucht. Sie griffen ihn aber später an und einer der drei trat den am Boden liegenden Hamel mehrfach so stark an den Kopf, dass dieser an den Verletzungen starb. Dieser Übergriff verdeutlichte, trotz der Abschaffung des Strafrechtsparagraphen die Kultur der Verängstigung anhielt, ja an direkter Gewalt sogar zunahm: 

Und der schlimmste war mal - (atmet tief ein) das muss man nochmal recherchieren. Also war eigentlich ein Mord oder ein Todschlag und da hat es, wie das so will eigentlich jemand anders erwischt. Da ist jemand zur Hilfe geeilt. Da war da ein Überfall und ein Schwuler wurde da traktiert von irgendwelchen Rechtsradikalen oder was weiß ich was. Und dann ist jemand zur Hilfe gekommen, der gar nicht schwul war, und der ist dann von denen totgeprügelt worden. (Projektarchiv VHM, Interview P1)

Bemerkenswert erscheint Kurt Mühlenschulte* im Rückblick aber auch die Reaktion seiner Gruppe auf den Totschlag. Eigentlich habe er und seine politisch aktiven Bekannten wenig mit diesen Sextreffpunkten zu tun, sie mieden sie sogar in ihrem Kampf um Emanzipation. Nach dem Tod von Peter Hamel wurde allerdings klar, dass diese Orte zur schwulen Welt gehörten, sie jedoch keinen Schutz genossen. "Da haben wir uns dann als Schwulengruppe beauftragt gesehen, da jetzt eine Patrouillie einzuführen. (lacht) Also da wirklich immer regelmäßig zwei Leute hinzuschicken, die da aufpassen. (Projektarchiv VHM, Interview P1) 

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